Hoffnung wie gedruckt – Tag 280

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Als mir neulich einfiel, dass das hier ja gar nichts Besonderes mehr ist, ist mir gleichzeitig auch jeder Impuls vergangen, hier hineinzuschreiben. Ja, also, es ist immer noch Corona und das hier ist der 280. Tag im Home Office und für alle, die das hier zum ersten Mal lesen (also dieses Blog hier) denen sei gesagt, dass wir (meine Firma und ich) am 17. März coronabedingt ins Home Office gezogen sind und dann haben wir unser Büro gekündigt und sind jetzt also anders als vorher und irgendwie zeitgemäßer und man spart sich ja jeden Tag die Fahrerei. Und CO2.

Und so sitze ich also jetzt hier und das Jahr – man sagt immer das Jahr sei ja so verrückt gewesen, aber das glaube ich gar nicht. Da ist ja nicht verrückt. Das ist ja eventuell „nur“ krank. Es ist so gekommen, wie es kommen musste und jetzt stehen wir da. Heute haben die liebe Frau und ich festgestellt, also wir haben es gemeint, wir waren der Ansicht, dass es auch nicht mehr so wird wie früher. Früher™ ist vorbei. Wenn ich höre, dass viele Künstler, zum Beispiel, ihre Tourneen für das Frühjahr neu ansetzen und für den Sommer Festivals planen, … also Festivals im Freien kann vielleicht sein, aber mit ganz anderen Regeln … dann möcht‘ ich sie so gerne drücken und ihnen Trost spenden und dann dürfte ich sie noch nicht mal drücken, selbst wenn sie vor mir stünden und von mir gedrückt werden wollten. Ich glaube das wird noch so lange so gehen, mit den Masken, dem Abstand, den belüfteten Räumlichkeiten und dem Zoom und Skype und mit Schnelltests im Vorfeld etc., dass wir es eines Tages gar nicht mehr merken, dass das jetzt die neue Realität ist. Mir ist das ja eher weniger ein Graus, als vielen Menschen, die ich so kenne und die sich ja auch nur sehr schwer an Veränderungen gewöhnen wollen oder können. Und während ich hier so sitze und einen Christbaumbehang auf dem 3D-Drucker ausdrucke, werde ich ein bisschen traurig, denn die Leute werden sicher untröstlich sein, da unten in der Stadt. Und die da oben in ihren Hochhäusern. Die werden nicht froh sein. Die Leute. Und in den finsteren Wintermonaten werden wir hier auch niemanden einbestellen und uns mit niemanden privat treffen, außer mit uns selbst und unseren mannigfaltigen Ichs. Vielleicht wird eines Tages alles auserzählt sein und wir gehen uns innerlich auf den Sack in unseren Hütten, mit unseren Kindern oder Lebensgefährten. Aber das müssen wir lernen auszuhalten. Da müssen wir uns neue Umstände erfinden. Ein neues Weihnachten und dass sich Treffen am Display nicht mehr so ganz undenkbar ist. Dass Kuscheln irgendwas anderes sein wird. Als ich 2007 zu Twitter stieß, viele Menschen waren damals noch nicht da, da war es da und die nächsten 2-3 Jahre so spannend, dass man dort Menschen treffen und irgendwie auch lieben und schätzen gelernt hat, nur Aufgrund ihrer Fähigkeit mit Worten umzugehen und wie man sich dann in Skype traf und nächtelang aufeinander eingeredet hat und diese ganze Phantasie, wie jemand ist, wie es ist, wie die Umstände sind, das war doch noch so unschuldig und irgendwie aufregend und fröhlich. Und dann, als man die Leute zu sich einlud, da war der Zauber aus. Das was man damals die Realität nannte, war zusammen nicht auszuhalten. Und man hat sich gespalten und ist voneinander abgerückt, Online-Freundschaften bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt. Bis Schweigen war. Und das, was wir heute so dringend ersehnen, was scheinbar so dringend fehlt, das war damals die Axt im Walde. Jedenfalls war das möglich, dass man nur übers Schreiben, nur über die Phantasie, nur über Gedanken verrückte Gedankengebäude errichtet hat. Nur die Liebe in Gedanken. Aber auch damals schon haben das nicht alle verstanden, wollten die eigentliche Realität, nämlich die Realität der Gedanken in die Kohlenstoffrealität wandeln und als ob das dann realitäter gewesen wäre, wo es vorher doch schon eine ganz andere, viel wahrhaftigere Realtität war. Es hat nicht geklappt. Aber es gab da was, jedenfalls für diese Schreib- und Phantasiebegabten, das ist auch heute noch machbar. Und es muss machbar sein, denn es ist für lange Zeit das einzige Erdenkliche. Wie 12 Jahre Krieg. In diesen Kategorien muss man denken. Ich finde den Gedanken auch anstrengend, aber ich denke, das ist das, was wir haben. Ob das jetzt eine gute Idee ist, es den Leuten das nicht zu sagen und stattdessen immer neue Hoffnung auf den übernächsten Monat zu machen, das kann ich nicht sagen. Weiß nicht. Denke es anders, aber was weiß ich schon.

(Ich bin jedenfalls bin gerne mit der lieben Frau in unserer Welt. Mal fetzen wir uns auch, lassen Türen knallen und schreien rum und dann sagen wir, dass wir nun die Nase voll haben und es jetzt aber wirklich langt und dann recken wir 5 Minuten später wieder die Arme in die Höhe, umarmen uns und wissen dann, dass wir doch niemals ohne einander können und wollen und sollen. So ist das.)

Und so muss man es machen.

Deckt Euch mit dem Nötigsten ein. Bestellt Euch Pizzas, kauft Euch Kartenspiele, schaut Netflix leer, lauft durch die Wälder, über Wiesen oder mit den Händen in den Hosentaschen durch halbleere Fußgängerzonen. Atmet durch Masken, kauft Euch Hunde, Katzen, Hasen, Papageien. Backt Brot, stampft Butter. Lasst den Weihnachtsbaum bis zum St. Nimmerleinstag stehen. Stellt Euch den Grill auf den Balkon und grillt. Kauft Euch Schokoladenbrunnen. Baut Euch die rostigen Lauben zu Wohnmobilen aus und fahrt raus aufs Land, raus an die See, raus an die Flüsse, die Wälder, die Berge. Kauft Euch Hängematten oder bastelt Euch welche. Pflanzt Blumen vor dem Haus und an jede Fensterbank. Lernt Programmieren, schreibt Blogs, nutzt Apps und lernt das Digitale und mit ihm umzugehen. Lernt die Distanz und schafft andere Nähen, neue Nähen. Schafft neue Welten und nutzt verdammt nochmal die Phantasie. Hört auf zu meckern. Vertragt Euch mit Euren Nachbar*innen und bietet ihnen Eure Hilfe an. Telefoniert, skyped, zoomt. Denkt Euch Geschichten aus. Meldet Euch bei Fernuniversitäten an. Geht in Abendschulen und mach Eure Abschlüsse nach. Druckt Euch Ersatzteile und Rückenkratzer auf dem 3D-Drucker aus. Zählt die Tage bis zum Frühlingsanfang. Geht raus und jammert nicht über die Kälte. Zieht Euch warm an. Nehmt eventuell Vitamin D. Ladet Euch Kaminfeuer-Apps runter. Werdet Schafhirten. Sattelt die Hühner. Repariert alte Vespas. Hört Euch zum Einschlafen die Geräusche des Waldes an. Lernt Vogelstimmen zu erkennen und Pilze. Kauft Euch Hasenlampen. Holt die alten Plüschtiere aus dem Keller. Gebt Euch neue Namen. Und trinkt mehr Vanillekipferlikör.

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