Der nächste – Tag 079

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Ja, jetzt ist also wieder good, old, white Wednesday und der Budenzauber ist vorbei. Sollen die da drüben und im Rest der Welt doch sehen, wo sie bleiben.

So oder so ähnlich fühlen sich die da drüben und auch der Rest der Welt aber auch schon seit Jahrhunderten. Es war eventuell ein schönes Statement, dass wir alle schwarze Bildchen gepostet haben. Das sah in meiner Instagram-Timeline auch imposant aus. Bonustrack: Man wurde auch von eifrigen Menschen, die vieles viel besser „wissen“ als ich, zurecht gewiesen, wie das genau zu gehen hat und was man sonst so alles falsch macht in the Internet und was nun der richtige Hashtag ist, und wie genau man den zu nutzen hat. Es wurde der Sinn und Zweck einer solchen Aktion in Frage gestellt. Manche posteten was Bockiges, um zu demonstrieren, dass sie das alles eh nichts angeht. Manche waren originell. Die Clowns auf Twitter, die jeden Tag so eine Art Pressemeldung zu gesellschaftsrelevanten Themen posten, weil die Gesellschaft das ja erwartet, taten dies in gewohnter Manier. War also alles dabei. Aber nun ist Blackout Tuesday vorbei. Endlich können wir wieder Schweinshaxe essen, Aperol-Spritz saufen und unsere Billoklamotten in die Ecke werfen, es ist ja viel zu heiß. Und was machen wir heute? Ein paar haben gesagt, man solle auf die Straße gehen und kämpfen. Man solle seine Haltung deutlich machen. Man soll Farbe bekennen. Man soll was twittern. Man soll weitermachen. Man soll vegan leben. Man soll kein Fernsehen mehr kukken. Man soll kein Fußball mehr kukken. Man soll „man“ nicht mehr sagen. Man soll auf seine Sprache achten.

Man soll die Leute korrekt behandeln.

Ah, das verstehe ich. Count me in. Leute korrekt behandeln, das versuche ich jedenfalls schon est. 1967. Naja, seit, sagen wir dem 7. Juli 1976, als mein Verstand irgendwie einsetzte. Oft gelingt es mir, manchmal leider nicht. Aber ich arbeite dran. Meine Eltern waren nie politisch, außer, dass mein Vater der unbedingten Ansicht war, „der Staat“ hätte die RAF-Leute in Stammheim hingerichtet, war da nicht viel zu hören. Meine Eltern haben eher intuitiv alles vieles richtig gemacht. So war es zum Beispiel, seit ich mich erinnern kann, ein Unding, wie z.B. bei der Sendung „Der 7. Sinn“ von und über Frauen gesprochen wurde. Oder, dass klar war, dass meine Mutter meinen Vater natürlich niemals fragen muss, ob sie arbeiten gehen „darf“. Oder dass der Georgios, der Nizamettin, der Eddie, die Teibega exakt gleich zu behandeln und zu betrachten wären, wie Matthias, Gerd, Martina und Anja (ja, so hießen die Menschen früher. Verrückt, was?!). Und so habe ich es gehandhabt. Und so habe ich es mir vorgenommen, es zu tun, z.B. in meiner Firma. Leute nach Können, Bedarf und eventuell Sympathie einzustellen. Ich käme im Leben nicht auf die Idee, einer Frau für den gleichen Job weniger zu bezahlen, als einem Mann mit gleicher Qualifikation. Auch war es schon immer komplett absurd zu glauben, Menschen mit bestimmten Hautfarben hätten größere Geschlechtsteile oder Rhythmus im Blut. Oder der Gedanke, Anhänger mosaischen Glauben trügen große Nasen im Gesicht. Ich finde dergleichen Vorstellung so aberwitzig und schwachsinnig, dass ich jede Art von Witz darüber als selbstverständliche Möglichkeit angesehen habe, mit diesen rassistischen Verirrungen umzugehen. Ich weiß noch, wie im Zivildienst meine betreuten Jungs und Mädels peinlichst darauf geachtet haben, wer von Ihnen „Mongo“ und wer „Spasti“ ist. Sie haben es so genannt und sich einen großen Spaß daraus gemacht, wenn die „normalen“ Leute sie entsetzt angeschaut haben und nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Wie soll man einem „Mongo“ erklären, dass er sich nicht Mongo nennen darf? Humor ist das Ding. Das ist das, was denen und mir bleibt. Es runter zu brechen, damit ich nicht den ganzen Tag brechen muss. Dass ich früher daran fast zerbrochen wäre, dass die Welt so ist, steht nochmal auf einem anderen Blatt. Mir wurde irgendwann klar, dass ich ja jetzt trotz meiner Weltbetroffenheit nicht der oder die Leidtragende bin. Und als die Weltschmerztränlein getrocknet waren, habe ich gedacht, ich muss vielleicht selbst durch die Institutionen und an Hebel kommen, an denen ich entscheiden kann, wie man Menschen behandelt, statt immer nur zuzusehen, wie andere das bewerkstelligen. Und so bin den zähen, steinigen Weg gegangen, denn ich hatte eigentlich kein Ziel und keinen Plan. So, und nun sitze ich hier und versuche mein Bestes. Und ich bin jetzt selbst der Krüppel. Wenn ich jemand wäre der öfter mal lacht, würde ich jetzt lachen.

Abbildung eines Radios ohne Sinn und Verstand.

Aber das ist das, was ich tun kann. Ich glaube nicht, dass ich mehr tun könnte, wenn ich „auf die Straße gehen und kämpfe“. Gegen wen denn auch? Gegen überforderte Einsatzpolizisten? Gegen den Staat? Angela Merkel? Gar Donald Trump? Kim Jong-un? Xi Jinping? Oder gegen den

KAPITALISMUS?!?!?!

Gut, kann sein, dass ich das machen müsste. Aber das kann ich nicht und ich will es auch nicht. Mal davon abgesehen, dass man zum auf der Straße sein und um dort auch noch zu kämpfen, zumindest mal aufrecht gehen können sollte. Also müsste ich den Kampf ins Internet verlegen. Aber wie? So wie gestern? Zeichen setzen? Beiträge teilen? Eine Online-Petition unterzeichnen? Ein Google-Doodle aufmachen? Ich weiß es wirklich nicht. Ich kann es nur so machen, wie ich es mache. Hier meine Haltung dazu reinschreiben und ansonsten im Alltag mich, so gut es geht, benehmen und irgendwas mit kategorischem Imperativ. Nicht genug? Ajoo!

Ich liebe Sie auch heute.

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